Tag.Familie: Geborgenes Leben

Dampfende Kochtöpfe und die guten Gerüche aus der Küche haben Hilde Machacek (90) ihr Leben lang begleitet. Vier Kinder hat sie großgezogen. Heute kocht sie so gut wie jeden Tag mit ihren 13 MitbewohnerInnen in der Tag.Familie im Haus Liebhartstal. Schnitt. Schauen. Konzentration. Ein Lächeln. Schnitt. „Jetzt wirds langsam“. Konzentration. Schnitt. Die Karotte ist in Scheiben geschnitten. Gleichmäßig, wie abgemessen. Jetzt der Stangensellerie.

Hilde Machacek ist eine der BewohnerInnen im Haus Liebhartstal, die ihre Tage in der Tag. Familie verbringen. Die besondere Tagesstruktur hilft den Menschen, ihren Alltag zu bewältigen. Alle BewohnerInnen sind demenziell beeinträchtigt, bedürfen jedoch keiner 24 Stunden Pflege und Betreuung. In der Tag. Familie verbringen sie ihre Tage in Sicherheit und mit Tätigkeiten, die Stolz und Selbstwertgefühl vermitteln.

„Kochen ist eine der vielen sinnstiftenden Tätigkeiten“, sagt Angelika Machacek (nicht verwandt mit Hilde), Leiterin der Betreuung im Haus.  „Wir machen das beinahe jeden Tag. Manchmal nur ein Gericht, hin und wieder ein ganzes Menü.“ So wie heute. Es gibt eine klare Gemüsesuppe, Putengeschnetzeltes mit Pilzen und als krönenden Abschluss ein Apfelkompott. Beim Kochen sind die BewohnerInnen voll eingebunden. Für diese Menüfolge muss viel geschnitten werden. Gemüse, Fleisch, die großen Pilze, Äpfel. Die BewohnerInnen machen das gerne. Und ausgesprochen gewissenhaft.

„Sind das dort Bananen?“, fragt eine Bewohnerin und deutet auf die großen Cremechampignons. „Nein“, sagt Claudia Balla, eine der drei Betreuerinnen, die sich den ganzen Tag um ihre Gruppe kümmern. „Das sind Schwammerl“. „Ach so“. Nach der Validationslehre von Naomi Feil werden Menschen mit Demenz in und mit ihrer eigenen Wahrnehmung akzeptiert. Demenz gliedert sich in insgesamt vier Phasen. Die Übergänge sind fließend, die einzelnen Abschnitte können Jahre dauern. Auch die Sinne sind davon betroffen – sie lassen nach, ebenso, wie die Erinnerungen und schließlich die Persönlichkeit verbleichen und am Ende ganz verschwinden. Als erstes geht der Geruchssinn. Bis zum Schluss bleibt der Tastsinn, das Fühlen von Berührungen.

Aus der Vergangenheit
Vereinfacht gesagt verlieren DemenzpatientInnen nach und nach das Kurzzeitgedächnis. Das Gehirn greift dann automatisch auf ältere Erinnerungen zurück. Daher kann es vorkommen, dass die eigenen Kinder nicht mehr erkannt werden. Die Sandkastenfreundin aus Kindertagen, die Betroffene seit 80 Jahren nicht mehr gesehen haben, kann gleichzeitig sehr präsent sein. Auch wenn solche Vorkommnisse in der Tag.Familie noch nicht so häufig sind – ihre Ansätze können die Betreuerinnen jeden Tag beobachten. Und sie steuern aktiv dagegen.

„Die ganzen Bastelarbeiten hier sind selbst gemacht“, erzählt Angelika Machacek. „Es gibt bessere und schlechtere Tage. An einem Tag erschafft Frau S. sowas“ Sie zeigt eine filigrane Arbeit, die offensichtlich sehr viel Feinmotorik erfordert. „Am nächsten Tag gießt sie die Plastikpflanze in der Ecke mit Orangensaft. Man muss es nehmen, wie es kommt. Beim Kochen sind sich aber alle einig!“

Der Stolz des Schaffens
Das ist deutlich spürbar. Beinahe alle BewohnerInnen beteiligen sich. „Erzwingen kann und darf man natürlich gar nichts, nur fragen“, sind sich die Betreuerinnen einig. Nur zwei wollen gar nicht. Die anderen sind schnell fleißig mit den Messern am Werk. Andere falten die Servietten. Und nein, um 9 Uhr muss das Besteck noch nicht aufgelegt werden.

„Frau F.!“ ruft Betreuerin Balla quer durch den Raum. „Bitte mit dem Mercedes zu mir kommen!“ Der Mercedes, das ist der Rollator. Die Mitarbeiterin stellt ein bisschen Gemüse auf die Ablagefläche. Ab zum Tisch damit, der keine drei Meter entfernt ist. Das ist keine Faulheit. Es ist ein kleines Stückchen Selbstbestätigung für Frau F. Denn sie schafft das, stellt das Gemüse auch auf den Tisch, damit die anderen es weiter bearbeiten können. Stolz lächelt sie in die Runde. „Sehr gut!“, lobt Machacek die deutlich Jüngere.

Der Fels in der Wüste
„Für vier Kinder hab‘ ich jeden Tag gekocht“, sagt Hilde Machacek strahlend. „Und ich immer nur für schöne Frauen!“, antwortet Herr C. und zwinkert ihr verschmitzt zu, während er eine Prise Salz in die große, dampfende Pfanne mit dem Geschnetzelten gibt. „Ein bisschen Salz noch“, sagt Peter Löscher, Souschef im Haus Liebhartstal. Er hilft den BewohnerInnen in der Tag.Familie heute ausnahmsweise mit ihrem umfangreichen Kochprogramm aus. „Die Suppe habe ich noch nicht gekostet, da verlasse ich mich ganz auf Sie!“ Herr C. lächelt. In seinem jüngeren  Leben war er Anwalt, für alle nur der Herr Doktor. Heute freut er sich über kleine Dinge des Lebens, die gelingen.

Für Gesunde ist es sehr schwer, sich in die Gedankenwelt von Demenzpatienten zu versetzen. Herausforderungen wie diese zu meistern mögen den meisten Menschen trivial erscheinen. Für demenziell erkrankte BewohnerInnen sind sie wie Felsen in der Wüste, aus denen erlösendes Wasser entspringt.

Die verbleichende Geschichte des Lebens
Durch die vertrauten Tätigkeiten werden Erinnerungen freigelegt. An diesem Vormittag findet daher auch eine Biografierunde zum Thema Kochen statt. Worte, Bilder und Gegenstände sollen das Gehirn anregen. Während dieser Runde bemerkt man, wie heimtückisch eine demenzielle Krankheit wirklich ist: In der Alltagssituation, im Gespräch, würde man es vielen der BewohnerInnen nicht anmerken. Sie werden zu fast perfekten SchauspielerInnen, überspielen, halten sich an, umschreiben. Hier wandert ein altes, hölzernes Nudelholz im Kreis. Nur die Hälfte weiß, was das ist. Frau F. schnappt es an einem Ende und droht ihrem inzwischen nur mehr imaginären und „schon wieder b’soffenen!“ Ehegatten. Ein Lacherfolg.  Zum Abschluss singt die ganze Runde „Backe backe Kuchen“. Frau F. singt erlöst mit.

Mit dem Strich eines Taktstocks
Das gemeinsame Kochen in der Tag.Familie ist nur Teil eines umfangreichen Konzeptes. Die Tag.Familie wurde über Jahre nur in einigen ausgewählten Häusern betrieben. Nach und nach werden die entsprechenden Räumlichkeiten (genannt Wohnzimmer) in allen 30 Häusern geschaffen. Damit wird auch für BewohnerInnen, die nicht mehr ganz selbstständig sind, ein schönes Stück Alltagsnormalität in Geborgenheit geschaffen. Das ist keine leichte Aufgabe, denn sie erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit über viele Bereiche des Unternehmens hinweg. Der Bereich Bau & Infrastruktur muss Räume finden, wo nie welche vorgesehen waren. Die Personalabteilung sucht und findet geeignete BetreuerInnen. Die Küche stellt regelmäßig KöchInnen zur Unterstützung ab – und täglich Kochutensilien, Rezepte und frische Ware. Und schließlich muss diese Form der Betreuung erfolgreich in die etablierten Abläufe der Häuser integriert werden. Während die BewohnerInnen ihre Alltagsnormalität genießen, arbeiten im Hintergrund sehr viele Menschen daran, diese zu erschaffen.

Das gelingt. Herr C. ist nicht an Technik und Organisation interessiert. Er freut sich, dass das von ihm gewürzte Geschnetzelte so gut ankommt. Als einziger Mann und damit Hahn im Korb der Tag.Familie will er keine Schwächen zeigen. Das Fingerspitzengefühl hat sich ausgezahlt. Alle sind begeistert. Herr C. hat heute was Großes geschafft.

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